Skip to main content

Glyphosat-Ersatz

Eisen und vielleicht auch Strom statt Chemie

Wenn Ende 2023 Schluss sein sollte mit dem Einsatz von Glyphosat, bedeutet das weder das Ende der Welt noch unbedingt den Zwang zum Pflügen. Aber es wird schwieriger. Landwirte müssen stärker „im System“ als „in der Maßnahme“ denken. Der Ackerbau geht künftig nicht von der Technik aus, sondern die Technik folgt dem ackerbaulichen Ziel.

Zwischenzeitlich war es etwas ruhiger geworden um den umstrittensten Pflanzenschutz-Wirkstoff aller Zeiten. Aber das Datum steht: Glyphosat ist EU-weit nur noch bis Ende 2022 zugelassen, und das ist kommendes Jahr. Selbst wenn der Wirkstoff auf EU-Ebene erneut eingetragen und national zugelassen werden sollte, wird seine Anwendung entweder mengenmäßig beschränkt und/oder nur in besonderen Fällen noch möglich sein: Seine große Zeit hat das Produkt schon längst hinter sich. Zeitweise entfielen in Deutschland 70% der angewendeten Menge darauf. Glyphosat ist auch deshalb so beliebt, weil sich nicht nur Wurzelunkräuter, sondern auch Durchwuchs wie Ungräser und Raps kontrollieren lassen.

Landwirte mögen sagen: Ohne Glyphosat muss ich halt wieder pflügen! Und viele werden das auch tun oder tun es bereits heute. Andere wollen nach allen positiven Erfahrungen um keinen Preis der Welt wieder einen Pflug auf dem Betrieb sehen. Beide Gruppen sollten ihre Haltung überdenken, meinen etwa Detlev Dölger und Wiebke Lenge von der Hanse Agro, einer privaten Beratungsgesellschaft mit Sitz in Schleswig-Holstein. Maßstab für die Technik müsse das ackerbauliche Ziel sein – und nur dieses, nicht die vorhandene Technik. Um dieses Ziel und damit die richtige Entscheidung herauszufinden, solle man sich selbst einige Fragen stellen, von denen die nach den Ungräsern erst die letzte ist:

  • Welche Ansprüche hat die Nachfrucht, welche Zeit verbleibt bis zur Saat?
  • Muss der Boden gelockert werden?
  • Wie steht es mit Strohmenge und Häckselqualität?
  • In welcher Tiefe befindet sich die Keimfeuchte? Wo ist es (zu) trocken oder (zu) feucht?
  • Was muss/kann ich gegen Wurzelunkräuter, Gräser, Schnecken, Mäuse oder Erdraupen tun?

Winterraps nach Wintergetreide ist so ein klassischer Fall, bei dem der Wegfall von Glyphosat zum Problem werden kann. Die Zeit zwischen Ernte und Aussaat ist sehr kurz, der „Griff“ zum Pflug vor der Saat liegt nahe. Einfacher geht es nicht: Das Stroh ist untergebracht, die Ungräser vergraben, der Boden ausreichend gelockert. Kein Wunder, dass der Verkauf von Pflügen wieder angezogen hat, nachdem mancher dieses Gerät schon auf dem „Müll der Geschichte“ gesehen hatte. Das „Randpflügen“ gegen die Einwanderung von Gräsern ist verbreiteter Standard. Aber muss das so sein? Wenn der Standort trocken, das Stroh gut einzuarbeiten und ausreichend Zeit ist, dann spricht nichts gegen eine pfluglose Bearbeitung und Bestellung. Dabei empfiehlt die Hanse Agro, zur Verteilung und Einmischung des Strohs zweimal flach zu grubbern (4 – 6 cm und 6 – 8 cm), anschließend einmal tief und vielleicht kurz vor der Saat noch einmal flach als Scheinbestellung. Spielen allerdings Gräser und Ausfallraps mit, so ist das Ziel, deren Samen so nah wie möglich an der Oberfläche zu belassen, sie zum Auflaufen zu bringen und anschließend mechanisch zu bekämpfen. Dann schlägt die Stunde der sehr flachen Bearbeitung auf 2 cm Tiefe. In den letzten Jahren sind Geräte dafür zunehmend auf den Markt gekommen. Eventuell muss ein spezielles Schar für die Lockerung her. Die Hanse Agro geht in Versuchen für Problemstandorte noch einen Schritt weiter: Die Einzelkornsaat von Raps mit weiten Reihen ermöglicht späteres Hacken gegen Ungräser und/oder Ausfallraps. 

Geht es um die Saat von Winterweizen nach Winterraps, ist oftmals die Kurzscheibenegge Lösung und Problem gleichzeitig. Denn eine zu frühe und zu tiefe Einarbeitung lässt den Ausfallraps nicht aufgehen. Auch hier  empfehlen die Berater eine mehrmalige flache Bearbeitung mit Striegel, Walzen oder sogar Mulcher. Letzterer ist eine teure, aber ackerbaulich sehr gute Lösung, weil er den Rapssamen zum Keimen anregt, ohne dass er vergraben wird.

Auf Trockenstandorten ist der Verzicht auf den Pflug wegen der Wasserkonservierung oft ertragsentscheidend. Versuche der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau in Bernburg (LLG) bestätigen das in einer Fruchtfolge Zuckerrüben-Sommergerste-Winterweizen-Wintergerste. Hier entstehen echte Zielkonflikte: Mit Pflug oder tiefer Mulchsaat kam man ohne Glyphosat aus, aber um den Preis schlechterer Wirtschaftlichkeit (höherer Aufwand und/oder geringerer Ertrag). Flache Mulchsaat, Streifensaat und Direktsaat waren auf diesem Standort in Sachsen-Anhalt ohne diesen Wirkstoff nicht hinzubekommen, erst recht nicht bei hohem Druck von Durchwuchspflanzen in engen Fruchtfolgen. Eine Erweiterung der Fruchtfolge (in diesem Fall durch Luzerne) sowie konsequentes Striegeln und Mulchen hielt im Versuch dann den Unkrautdruck auf überschaubarem Niveau. Nur von der reinen Direktsaat muss man sich wohl zugleich mit dem Glyphosat für immer verabschieden. Handlungsempfehlungen als Patentlösung sind unmöglich, so das Fazit von Dr. Joachim Bischoff (LLG). Viel eher solle die Unkrautbekämpfung als ganzheitliches System verschiedenster standortangepasster acker- und pflanzenbaulicher Maßnahmen angesehen werden.

Vor Reihenkulturen. Eine zweite „Domäne“ des Glyphosat ist die Anwendung vor in Mulchsaat gesätem Mais oder Zuckerrüben im Frühjahr. „Gegner“ sind Altverunkrautung, aber auch nicht oder unzureichend abgefrorene Zwischenfrüchte. Ziel ist ja ein möglichst guter Zwischenfruchtbestand, um Unkräuter zu unterdrücken. Der ist in Trockenjahren wie 2018 natürlich nur schwer zu etablieren. Die Zwischenfrüchte lassen sich vor der Vegetation mechanisch beseitigen. Voraussetzung ist allerdings die Befahrbarkeit des Bodens.

In Versuchen der TH Bingen mit Zuckerrüben stach eine Federzahnegge mit ganzflächig flach schneidenden Gänsefußscharen besonders heraus. Mit der Scheibenegge ließ sich zwar die Zwischenfrucht gut regulieren, nicht aber Unkräuter und Ungräser. Manchmal wird Pelargonsäure als Glyphosatersatz „gehandelt“: Sie zeigte in diesen Versuchen keine Wirkung. Strohmulchsaaten werden nur noch geringe Chancen eingeräumt.    

Bei Mais-Mulchsaaten ist Glyphosat nicht nötig, das zeigten Versuche in Süd- und Ostdeutschland, über die Klaus Gehring von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft berichtete. Die Unkrautkontrolle mit selektiven Herbiziden funktionierte ebenso gut. Anders ist das bei Direktsaat oder Strip Till. Diese Systeme sind auf eine Vorbehandlung angewiesen.

Elektrophysikalisches Verfahren. Strom als Herbizidersatz erscheint im Vergleich zum Glyphosat als Nischenlösung. Aber ohne das Totalherbizid finden auch Geräte wie das „Elektroherb“ Aufmerksamkeit: Ein von der Zapfwelle getriebener Generator erzeugt Strom, der über Kufen im Frontanbau des Schleppers an die Pflanzen gelangt und sich dort verteilt. Die Wirkung gegen hartnäckige Wurzelunkräuter und auch bei der Abtötung von Zwischenfrüchten war in bisherigen Versuchen gut. Bodentiere werden offenbar kaum geschädigt. Eine Weiterentwicklung dieses Systems benetzt die Pflanzen vor dem „Stromstoß“ mit einer Elektrolytlösung. Damit lässt sich die nötige Spannung deutlich reduzieren und die vergleichsweise geringe Schlagkraft des Systems erhöhen.

Fazit: Nicht nur an Symptomen doktern. Wie bereits erwähnt fordert der Wegfall von Glyphosat das gesamte Anbausystem. Es kommt darauf an, den Unkrautdruck insgesamt gering zu halten. Deshalb ist es vor allem in pfluglosen Systemen kaum vorstellbar, das Glyphosat mit einer einzigen Alternativmaßnahme zu ersetzen. Wo man nicht pflügen kann oder will, werden Fruchtfolge und/oder Zwischenfrüchte auch aus diesem Grund einen höheren Stellenwert einnehmen (müssen).